Die Wiederentdeckung der Stille

Die Wiederentdeckung der Stille

24. Januar 2016 Aus Von WRiHL

Man muss zuhören können, um Schönheit zu begreifen

Beim Wanderreiten beginnen die Tage für den Rittführer mitunter sehr früh, je nach Jahreszeit fast noch im Dunkeln, manchmal begleitet durch Regen, oft im Nebel – so wie an einem Wochenende im Mai. Ich stehe am Weidezaun und blicke noch etwas müde ins Grau. Sechs Uhr. Stille. Mich fröstelt. Für einen Moment schließe ich die Augen und lausche. In der Ferne höre ich ein Schnauben. Sonst höre ich nichts. Dieses scheinbare Nichts fühlt sich auf beruhigende Art unendlich an. Dieses geräuschlose Nichts hüllt mich in einen Mantel. Dieses lebendige Nichts begrüßt mit mir den Tag weit außerhalb der Zeit. Langsam durchstreife ich die Wiese mit all ihren Nebeltropfen, mit ihren noch unsichtbaren Bewohnern und ihrem Schleierkleid. Dann höre ich in die Wiese hinein und stelle fest: das Nichts summt, wenn auch nur ganz leise, kaum wahrnehmbar, in einem sanften Rhythmus. Meine Schritte sind langsam, ich sauge die Feuchtigkeit auf. Am Horizont, der Schatten von Bäumen erahnen lässt, sehe ich die Silhouetten der Pferde. Weißgraue Schatte, braune Schatten, schwarze Schatten. Sie heben kurz ihre Köpfe aus dem Grün, erkennen mich, stecken ihre Nasen zurück zwischen die Grashalme und Butterblumen.

Ich bewege mich weiter auf die Schatten zu, bin nun mitten unter ihnen, werde von einigen neugierig begrüßt. Weiche und grasfeuchte Pferdemäuler durchwühlen meine noch müden Haare, eine Nase wandert tastend von meinem Nacken zur Jackentasche, vielleicht ist hier etwas zu holen. Nein, ich habe nichts dabei, keine Möhre, keinen Apfel, nicht mal einen alten Haferkeks. Ein Schimmel stupst mich frech, eine Braune zwickt mir leicht ins Ohr, ich muss lachen. Das Atmen der Nüstern ist unaufgeregt und warm. Pferdeatem bläst mir liebevoll ins Gesicht, hinterlässt kleine Wolken. Eine halbe Stunde sitze ich so auf der Wiese zwischen Berbern, Araber-Berbern, zwei Lipizzaner-Stuten, einem Tinker und einem Quarter Horse. Ein bisschen fühle ich mich, als würde ich Teil der Herde sein, Teil der Wiese und Teil der Stille. Um mich herum die Schönheit der morgendlich noch unberührten Natur. Keine Menschenseele weit und breit, keine lärmenden Autos, kein Geschrei, keine kreischenden Müllwagen, keine atemlosen Polizeisirenen, keine Neonlampen und Reklametafeln. Nur diese atemberaubend klingende Stille einer Weide im Nebel mit 19 Pferden. Man muss sich Zeit nehmen und zuhören können, um diese Schönheit zu begreifen.

Text & Foto © Tana Hell